S/4HANA in der Produktion: Mehr Effizienz herausholen – mit Aaron Rudolf
Autor: Tobias Harmes | 5. Mai 2026
In dieser Folge des SAP-IT-Podcasts spreche ich mit Aaron Rudolf, Strategieberater für Produktion und Automatisierung, wie Unternehmen die Lücke zwischen ihrem S/4HANA-System und der tatsächlichen Realität in der Werkshalle schließen können. Wir klären, warum viele Betriebe nach der Migration ungewollt ausgebremst werden und wie gezielte Optimierungen die technische Pflichtaufgabe in einen operativen Mehrwert verwandeln.
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Status quo: Profitiert die Produktion wirklich schon von S/4HANA?
Die Ausgangslage ist oft ernüchternd. Viele Unternehmen haben die technische Migration abgeschlossen, doch in der Werkshalle kommt davon wenig an. Aaron Rudolf erklärt den Unterschied zwischen technischer Migration und fachlicher Verbesserung. Ein laufendes System bedeutet nicht automatisch bessere Prozesse: „Oft wird nach dem Go-live nicht mitgedacht, dass die Produktion eigene Anforderungen an die Agilität hat“, so Rudolf. Die Folge: Ohne gezielte Optimierung bremst S/4HANA die Produktion eher aus, als sie zu beschleunigen. Dabei bietet das System gerade für die Fertigung enorme Chancen zur Effizienzsteigerung – ein Potenzial, das viele Unternehmen zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht vollumfänglich ausschöpfen.
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Pflicht-Änderungen: Was unweigerlich auf Produktionen zukommt
Ein heiß diskutiertes Thema sind die sogenannten Simplification Items. In S/4HANA fallen bewährte Funktionen wie die grafische Plantafel (Transaktionen CM21–CM25) oder die klassische Dispo-Liste (MD05) weg. Aaron erklärt: Der MRP-Lauf (Material Requirements Planning) ist der Herzschlag des Systems – er sorgt dafür, dass Material und Kapazitäten zur richtigen Zeit da sind. Wenn diese Tools wegfallen oder durch Fiori-Apps ersetzt werden, stehen viele Kunden vor einer Hürde. In der Praxis vergessen Unternehmen dabei oft, die neue S/4HANA-Logik konsequent umzusetzen und rechtzeitig Ersatz zu schaffen, wodurch operativer Stillstand entstehen kann.
Strategische Potenziale im Standard nutzen
Jenseits der Pflicht liegen die klaren Chancen von S/4HANA, die viele Unternehmen gar nicht auf dem Schirm haben. Aaron hebt besonders den MRP Live hervor, der durch die HANA-Datenbank massiv schneller ist. Als neues zentrales Steuerungselement des Systems ermöglicht dieser eine Bedarfsplanung in echter Echtzeit, wodurch die früher übliche Planung auf Basis veralteter Datenbestände entfällt. Unternehmen profitieren hierdurch von einer erheblich gesteigerten Effizienz und Agilität in der Fertigungssteuerung, da Materialengpässe sofort erkannt und Prozesse ohne zeitliche Verzögerung optimiert werden können.
Ein weiteres Highlight sind Tools, die oft bereits im Standard enthalten sind und keine extra Lizenzen kosten, wie etwa der Predictive MRP (PMRP) für Simulationen. Er zeigt anhand von Kundenbeispielen, wie der Einsatz von ePPDS (Embedded Production Planning and Detailed Scheduling) eine Automatisierung in der Feinplanung ermöglicht, die zuvor undenkbar war.
Transparenzverlust durch Inselwissen und manuelle Planung
Aaron macht auf eine Lücke zwischen SAP und der Produktionswirklichkeit aufmerksam. Im Alltag merkt man das an typischen Workarounds: Es wird mit Excel-Listen, Papier und manuellem Kopfwissen geplant. „Diese Insellösungen sind ein Risiko für die Skalierbarkeit und Robustheit des Unternehmens“, warnt Rudolf.
Wie das in der Praxis aussieht, zeigen zwei typische Kundenbeispiele:
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Ein Kunststoffverarbeiter nutzt SAP zwar für die Auftragsanlage, pflegt die eigentliche Reihenfolge an den Maschinen jedoch in einer komplexen Excel-Tabelle. Diese versteht nur ein einziger Schichtleiter. Fällt dieser Mitarbeiter aus, steht die Planung still. Das SAP-System weiß dann nicht, welches Werkzeug gerade auf welcher Maschine gerüstet ist.
- In der Wirkstoffproduktion werden wichtige Reinigungszyklen und Instandhaltungszeiten oft noch auf Klemmbrettern dokumentiert. Da diese Informationen nicht in Echtzeit in S/4HANA fließen, plant das System mit freien Kapazitäten, die faktisch nicht existieren – was zu massiven Lieferverzögerungen führen kann.
Wenn Wissen nur in den Köpfen der Meister oder in lokalen Dateien existiert und nicht im System, leidet am Ende die Geschwindigkeit, die Qualität und vor allem die Transparenz der gesamten Fertigung.
Status-Check: Wie weit ist Ihre Produktion wirklich?
Wie findet die SAP IT heraus, wie viel der neuen Möglichkeiten bereits genutzt wird? Laut Aaron reicht der Blick ins System allein oft nicht aus. Er empfiehlt den direkten Dialog mit dem Fachbereich, um herauszufinden, wo die „echten“ Prozesse außerhalb von SAP laufen. Ein bewährter Weg ist ein gemeinsamer Optimierungs-Workshop. Dabei werden die Möglichkeiten des S/4-Standards mit der Realität der Werker abgeglichen und eine Roadmap für die nächsten Schritte erstellt.
Best Practice: So kann S/4HANA erfolgreich in die Produktion integriert werden
Für Unternehmen, die mit Mühe auf S/4HANA gewechselt sind, hat Aaron eine klare Empfehlung: Sie sollten aufhören, Löcher zu stopfen, und anfangen, das Fundament zu begradigen. Der Weg vom „System-Überlebenskampf“ zur Hochleistungs-Produktion folgt einer klaren Hierarchie:
1. Die Bestandsaufnahme: Was ist „Muss“, was ist „Kann“?
Zuerst erfolgt eine Analyse der aktuellen Schmerzpunkte und Herausforderungen innerhalb der Produktion. Aaron unterteilt dies in drei Kategorien:
- Die Pflicht (Compliance & Technik): Funktioniert die Rückmeldung? Sind die gesetzlichen Anforderungen (z.B. Chargenrückverfolgung) erfüllt?
- Die Prozess-Bremse: Wo behindert das System aktiv?
- Die Optimierung: Hier geht es um Dinge wie den MRP Live oder ePPDS, die den Output steigern.
2. Den „Digitalen Zwilling“ der Prozesse herstellen
Aarons Ansatz: Das System schrittweise mit der realen Fertigung harmonisieren, statt starre IT-Vorgaben zu erzwingen. Oft wurden Stammdaten bei der Migration nur unzureichend übernommen. Doch hier liegt der Schlüssel: „Spiegeln die SAP-Daten nicht die Realität an der Maschine wider, kann kein Algorithmus verlässlich planen“, so Aaron. Ziel ist eine belastbare Datenbasis als exaktes Abbild der Produktion.
3. Nutzerakzeptanz durch „Quick Wins“ zurückgewinnen
Nach einem schwierigen Go-live ist die Akzeptanz der neuen Lösung in der Produktion oft beeinträchtigt. Um das Vertrauen der Anwender zurückzugewinnen, empfiehlt sich der Fokus auf schnell sichtbare Erfolge:
- Mobile Fiori-Apps: Durch den Einsatz mobiler Anwendungen können Buchungen direkt am Entstehungsort – etwa an der Palette oder im Lager – durchgeführt werden. Das erspart den Werkern zeitintensive Wege zu fest installierten Terminals.
- Automatisierte Disposition: Planer gewinnen durch die Entlastung von manuellen Routineaufgaben wertvolle Zeit für die tatsächliche Steuerung und die Bearbeitung von Ausnahmefällen.
Aarons wichtigster Rat: „Man darf S/4HANA nicht als abgeschlossenes Projekt betrachten. Es ist ein lebender Prozess. Wer nach dem Go-live aufhört, seine Prozesse an die neuen Möglichkeiten anzupassen, verliert jeden Tag Geld durch Ineffizienz.“
Fazit: S/4HANA als strategischen Hebel für die Fertigung nutzen
Die Migration auf S/4HANA ist weit mehr als ein technisches Upgrade der Datenbank. Wie Aaron Rudolf im Gespräch verdeutlicht, entscheidet sich der wahre Projekterfolg an der Schnittstelle zwischen IT-System und Produktion. Werden Pflicht-Änderungen nur halbherzig umgesetzt oder Potenziale wie ePPDS und MRP Live ignoriert, kann das System die Produktion durch starre Prozesse und manuelle Workarounds behindern. Dadurch entsteht das Risiko, dass Effizienzgewinne ungenutzt bleiben. Durch eine kontinuierliche Optimierung schafft S/4HANA die notwendige Transparenz und Agilität für moderne Fertigungsprozesse und ermöglicht es, noch mehr Effizienz aus der Produktion herauszuholen.





