Viele Unternehmen sind mit dem Ziel „Fiori first“ in ihre S/4HANA-Migration gestartet – und mit der SAP GUI wieder herausgekommen. In dieser Folge des SAP-IT-Podcasts spreche ich mit Jonas Krüger, Bereichsleiter SAP Security bei mindsquare, darüber, ob man Fiori einfach überspringen kann. Wir klären, warum Fiori im S/4HANA-Projekt so oft aus dem Scope fällt, was sich bei Berechtigungen und Betrieb ändert und welche Rolle KI-gestützt gebaute Oberflächen künftig spielen.
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Fiori first – und was davon übrig bleibt
SAP Fiori soll die klassische SAP GUI langfristig ablösen. Auch bei der Entwicklung neuer Funktionen setzt SAP zunehmend auf Fiori-Apps. Für viele Unternehmen liegt es deshalb nahe, den Wechsel auf S/4HANA gleich mit einer neuen Benutzeroberfläche zu verbinden. Ihre Strategie: Fiori first. Business-Anwender sollen möglichst vollständig mit den modernen Apps arbeiten, die klassische SAP GUI soll in den Hintergrund rücken.
Der Grund: Schon die S/4HANA-Umstellung selbst verändert Transaktionen und Prozesse, der Fachbereich ist mit Tests stark eingebunden. Eine neue Oberfläche erfordert zusätzlich Schulungen, Anpassungen und teils eigene Fiori-Apps als Ersatz für Z-Transaktionen. Typischerweise fällt die Entscheidung vor der Testphase, wenn die Bereitstellung der Apps komplexer ist als gedacht, oder kurz vor dem Go-live, wenn Key-User und Endanwender mit der neuen Oberfläche fremdeln. Offiziell heißt es dann oft, man setze Fiori „nur dort ein, wo es Sinn macht“.
Wie weit kommt man mit der SAP GUI?
Ganz ohne Fiori geht es in S/4HANA nicht. Einige Transaktionen werden ausschließlich durch eine Fiori-App ersetzt, etwa die Pflege der Hausbanken. Jonas beziffert diese Fälle auf etwa 10 bis 20 Transaktionen. Wer diese Funktionen kaum oder nur für wenige Anwender braucht, kann mit S/4HANA fast vollständig in der GUI arbeiten – und viele Unternehmen tun das seit Monaten oder Jahren erfolgreich.
Für Jonas ist das eine valide Strategie. Seine Empfehlung lautet sogar, die technische S/4HANA-Umstellung bewusst vom Wechsel der Benutzeroberfläche zu entkoppeln und Fiori anschließend schrittweise statt als Big Bang auszurollen. So ist auch die Nassauische Heimstätte vorgegangen, die auf dem DSAG-Jahreskongress von ihrem Weg berichtet hat: neues Berechtigungskonzept, S/4HANA mit begrenztem Fiori-Umfang – und nun der nächste Schritt in Richtung Fiori.
Fiori Workplace Roadshow: Zentrale Arbeitsoberfläche in SAP Fiori planen – und Fachbereiche früh gewinnen
Was für Fiori spricht
Auch wer ohne Fiori gut läuft, hat das Thema selten abgehakt. Auch wenn Unternehmen zunächst gut ohne Fiori auskommen, ist das Thema damit selten erledigt. Ein Teil der Unternehmen möchte aus strategischen Gründen mit dem technischen Stand von SAP mitgehen. Andere versprechen sich konkrete Vorteile: eine modernere Oberfläche und Apps, die SAP fachlich neu gedacht hat. Eine App, die beispielsweise nur für Genehmigungen gedacht ist, lässt sich oft schneller erlernen als eine umfangreiche Transaktion mit vielen Funktionen.
Besonders profitieren Führungskräfte, die Genehmigungen erteilen, und Mitarbeitende, die nicht am Schreibtisch arbeiten, etwa in der Produktion oder am Tablet. Hier spielt Fiori mit Responsive Design seine Stärken aus. In seiner Beratung legt Jonas deshalb Wert darauf, genau zu unterscheiden, für welche Prozesse und Personengruppen Fiori tatsächlich Sinn ergibt.
Power-User, Hybrid und Fiori-only
Auch Unternehmen mit hoher Fiori-Adoption sind selten zu 100 Prozent auf Fiori. In IT und Administration bleibt die SAP GUI fast immer erhalten, und im Fachbereich gibt es Hybrid-Szenarien. Komplett ohne GUI arbeiten außerhalb der IT vor allem Unternehmen, die SAP neu eingeführt haben und keine GUI-Vergangenheit mitbringen.
Am schwierigsten umzustellen sind die Power-User, etwa im Controlling oder in der Finanzbuchhaltung. Wer hundert Transaktionen samt Tastaturkürzeln beherrscht, müsste sich in hundert neue Apps einarbeiten. Wer dagegen am Packtisch nur ein paar Rückmeldungen erfasst, nutzt auch heute nur wenige Transaktionen. Kommt von Power-Usern das Feedback, Fiori sei langsamer, liegt das oft an fehlendem Betriebskonzept: lange Ladezeiten im Launchpad und unübersichtlich angeordnete Apps. Beides lässt sich lösen. Mit einem durchdachten Betriebskonzept lässt sich hier gegensteuern.

S4HANA-Berechtigungskonzept
Fiori-Apps freischalten: Mehr als eine Transaktion in der Rolle
In der GUI-Welt war die Freischaltung einer Anwendung überschaubar: Der Berechtigungsadministrator nahm die Transaktion in die Rolle auf, fertig. Bei Fiori-Apps sind deutlich mehr Schritte nötig. Neben der Rolle muss mindestens ein Fiori-Katalog gepflegt, die App aktiviert und berechtigt werden. Hinzu kommt die Frage, wie die App auf der Oberfläche angeordnet wird. Diese Aufgaben landen häufig zusätzlich bei den SAP-Berechtigungen-Verantwortlichen, manche Unternehmen schaffen dafür eigens die Rolle eines Fiori-Architekten.
Auch die Fehlersuche wird komplexer. Früher lieferte die SU53 schnell die Ursache eines Berechtigungsfehlers. Mit Fiori gibt es je nach Architektur mehrere Schichten – das Launchpad kann embed, auf einem separaten Frontend-Server oder auf der SAP BTP laufen. Jonas betont, dass sich das mit einem guten Betriebskonzept beherrschen lässt. Wichtig ist nur, den Mehraufwand einzuplanen, denn er wächst mit jeder zusätzlichen App.
Ganze Prozesse statt einzelner Apps umstellen
Anwender denken nicht in Systemen, sondern in ihren Arbeitsabläufen. Verwirrend wird es, wenn sie innerhalb eines Prozesses ständig zwischen GUI und Fiori Launchpad wechseln müssen. Jonas’ Team stellt deshalb möglichst ganze Prozesse oder ganze Personengruppen samt Arbeitsplatz um. Welche zuerst an der Reihe sind, ergibt sich aus einer Priorisierung nach Komplexität, Anzahl der beteiligten Anwendungen und dem Wunsch der Anwendergruppen. Im Launchpad werden die Apps über Spaces und Pages prozessorientiert gruppiert, sodass etwa Bestellung und Freigabe direkt nebeneinander liegen.
Typische Stolpersteine sieht Jonas an anderer Stelle: Statt eines zentralen Launchpads, das Anwendungen aus mehreren Systemen bündelt, gibt es oft eines pro System. Bei mobilen Genehmigungs-Apps scheitert es häufig am Single Sign-on, sodass Anwender sich auf dem kleinen Bildschirm umständlich anmelden müssen. Und fachlich muss geklärt werden, welche Fiori-App zum eigenen Prozess passt und ob sie erweitert oder durch eine Eigenentwicklung ersetzt werden muss.

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Braucht es Fiori noch, wenn KI Oberflächen baut?
Mit Joule und KI-Agenten zeichnet sich ein ganz anderer Zugang zu SAP ab: per natürlicher Sprache Belege buchen oder Reisekosten freigeben. Für noch relevanter hält Jonas allerdings einen zweiten Aspekt. Klassische Oberflächen lassen sich mit KI-Unterstützung inzwischen sehr schnell bauen, zur Laufzeit brauchen sie keine KI. Früher sorgte die IT für Einheitlichkeit; heute wären theoretisch individuelle Oberflächen pro Anwendergruppe denkbar, auch wenn Wartbarkeit und Support Grenzen setzen. Möglich macht das die OData-Architektur, die Frontend und Backend entkoppelt.
Die Unternehmen, mit denen Jonas spricht, nutzen die KI-Angebote von SAP bislang kaum. Viele interessieren sich eher für eigene Wege, etwa einen eigenen MCP-Server für SAP. In der Strategieberatung bezieht Jonas’ Team diese Optionen deshalb ausdrücklich ein. Das Ergebnis kann eine gemischte Architektur sein, in der Fiori-Standard-Apps neben eigenen, KI-gestützt entwickelten Apps stehen.
Fazit: Fiori ist eine Strategiefrage, kein Pflichtprogramm
Komplett überspringen lässt sich Fiori nicht, mit der SAP GUI kommen viele Unternehmen aber erstaunlich weit. Die Entkopplung von technischer Migration und Oberflächenwechsel ist eine bewährte Strategie, die Realität ist fast immer ein Mix aus GUI und Fiori. Wer stärker auf Fiori setzen will, sollte den Mehraufwand bei Berechtigungen und Betrieb einplanen und ganze Prozesse statt einzelner Apps umstellen. Weil KI den Bau eigener Oberflächen gerade drastisch vereinfacht, gehört auch diese Option in jede Oberflächenstrategie.
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