Kann ich mit Vibe Coding Third-Party-Tools für SAP ablösen? – mit Philipp Schurr
Autor: Tobias Harmes | 25. Juni 2026
SaaS-Lösung einkaufen oder lieber selbst entwickeln? Diese Frage stellt sich für viele Unternehmen durch die rasanten Fortschritte im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Im Gespräch mit Philipp Schurr, Partner und Bereichsleiter im Bereich KI bei mindsquare, beleuchten wir, wie KI-Agenten die Softwareentwicklung verändern und warum insbesondere Zusatzanwendungen rund um SAP zum Kandidaten für Individualsoftware werden. Dabei geht es nicht darum, zentrale Systeme wie SAP abzulösen, sondern vor allem um Satellitenlösungen, Add-ons und spezialisierte Tools im Umfeld bestehender Geschäftsprozesse.
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KI-Agenten verändern die Softwareentwicklung
Die Entwicklung leistungsfähiger KI-Modelle hat in den vergangenen Monaten enorme Fortschritte gemacht. Besonders im Bereich der Softwareentwicklung können KI-Agenten heute Aufgaben übernehmen, die vor kurzer Zeit noch ausschließlich menschlichen Entwicklern vorbehalten waren.
Philipp erklärt, dass moderne KI-Systeme nicht mehr nur kurze Programmieraufgaben lösen, sondern über längere Zeiträume selbstständig an komplexeren Anforderungen arbeiten können. Auch die verfügbare „Denkzeit“ solcher Systeme hat deutlich zugenommen. Dadurch steigt die Produktivität in der Softwareentwicklung erheblich. Für Unternehmen bedeutet das vor allem eines: Individualsoftware kann heute deutlich schneller und kostengünstiger erstellt werden als noch vor wenigen Jahren.
Individuelle Software mit KI: SaaS-Kosten senken und Aufgaben gezielt automatisieren
Viele Unternehmen zahlen hohe SaaS-Lizenzen für Funktionen, die sie nur punktuell brauchen – während manuelle Prozesse trotzdem bestehen bleiben.
Mit individueller KI-Software automatisieren wir genau diese Aufgaben passgenau in Ihrer bestehenden IT: kosteneffizient, integriert und ohne Tool-Chaos.
Von Chatbots zu digitalen Mitarbeitern
Während viele Unternehmen zunächst mit einfachen Chatbots oder Wissensassistenten experimentiert haben, sieht Philipp den eigentlichen Mehrwert inzwischen in sogenannten KI-Agenten. Diese beantworten nicht nur Fragen, sondern übernehmen eigenständig Aufgaben innerhalb von Geschäftsprozessen.
Statt Mitarbeitern lediglich Informationen bereitzustellen, können KI-Agenten Prozesse anstoßen, Entscheidungen vorbereiten und Routineaufgaben automatisieren. Dadurch entwickelt sich KI zunehmend vom Werkzeug zum digitalen Mitarbeiter, der aktiv zur Wertschöpfung beiträgt. Entscheidend ist dabei, dass KI nicht nur als zusätzliches Tool neben dem Arbeitsprozess steht, sondern fest in Abläufe integriert wird.
Warum viele KI-Projekte ihr Potenzial nicht ausschöpfen
Philipp beschreibt die aktuelle Dynamik im KI-Markt mit der Aussage: „Die KI-Lösung, die Sie heute einsetzen, wird die schlechteste KI-Lösung sein, die Sie jemals haben werden.“ Die Aussage macht deutlich, wie schnell sich Künstliche Intelligenz derzeit weiterentwickelt. Neue Modelle, leistungsfähigere KI-Agenten und verbesserte Entwicklungswerkzeuge sorgen dafür, dass sich die Möglichkeiten für Unternehmen kontinuierlich erweitern.
Viele Unternehmen haben in den vergangenen Jahren erste KI-Projekte umgesetzt, häufig in Form von Wissensassistenten oder Chatbots. Das Problem: Viele dieser Lösungen existieren neben den eigentlichen Geschäftsprozessen und müssen aktiv genutzt werden. Dadurch bleibt die Akzeptanz häufig hinter den Erwartungen zurück. Nutzer entscheiden sich im Alltag dann doch wieder für bekannte Wege, etwa die manuelle Suche in SharePoint, Confluence oder anderen Ablagen.
Für Philipp liegt das eigentliche Risiko deshalb nicht darin, früh mit KI zu starten, sondern nach den ersten Projekten stehenzubleiben. Erfolgreiche Unternehmen betrachten KI nicht als einmalige Initiative, sondern als fortlaufenden Veränderungsprozess. Statt zusätzliche Tools bereitzustellen, sollte KI direkt in bestehende Prozesse integriert werden. Erst wenn sie automatisch Teil eines Arbeitsablaufs wird, Aufgaben übernimmt und Ergebnisse zur Freigabe vorbereitet, entsteht ein nachhaltiger Mehrwert.
Viele Unternehmen zahlen zu viel: für SaaS-Lizenzen, die nur teilweise genutzt werden, für fehlende Individualsoftware und für Prozesse, die längst automatisiert werden könnten.
In diesem 60-minütigen Live-Webinar zeigen wir Ihnen, wie professionelle KI-Entwicklung genau hier ansetzt – nicht als riskantes Vibe Coding, sondern als sicherer Weg zu messbaren Einsparungen.
Sie erfahren, welche KI-Lösungen heute schon funktionieren, wo die Technologie noch Grenzen hat und welche Praxisbeispiele zeigen, wie Unternehmen bereits erfolgreich Kosten senken.
Individualsoftware wird wirtschaftlich attraktiv
Besonders spannend ist die Entwicklung bei spezialisierten und individuellen Softwarelösungen. Viele Unternehmen nutzen heute zahlreiche zusätzliche Anwendungen neben ihrem ERP-System, etwa für Planung, Datenaustausch, Konfiguration oder spezifische Fachprozesse.
Bisher war die Eigenentwicklung solcher Lösungen oft zu teuer. Durch KI-gestützte Entwicklung verändert sich diese Rechnung jedoch grundlegend. Entwicklungszeiten verkürzen sich deutlich und auch die Projektkosten sinken erheblich. Philipp beschreibt, dass sich damit zwei zentrale Faktoren der Make-or-Buy-Entscheidung verschieben: Time-to-Market und Entwicklungskosten.
Dadurch wird die klassische „Make-or-Buy“-Entscheidung neu bewertet. Unternehmen können heute prüfen, ob sich bestimmte SaaS-Lösungen oder Spezialanwendungen nicht wirtschaftlicher durch eine individuell entwickelte Lösung ersetzen lassen. Gerade bei sehr spezifischen Anforderungen, für die Standardsoftware nur einen Kompromiss bietet, kann die Make-Option heute deutlich attraktiver sein als noch vor wenigen Jahren.
Rapid Prototyping statt langer Konzeptphasen
Ein weiterer Vorteil moderner KI-Entwicklung liegt in der Geschwindigkeit der Prototypenerstellung. Statt zunächst umfangreiche Lasten- und Pflichtenhefte zu erstellen, können Unternehmen innerhalb kurzer Zeit klickbare Prototypen entwickeln.
Diese ermöglichen es Fachbereichen, Anforderungen direkt am System zu bewerten und anzupassen. Missverständnisse werden früh erkannt und Projekte können zielgerichteter umgesetzt werden. Philipp beschreibt dafür ein Vorgehen, bei dem aus einem ersten Gespräch innerhalb kurzer Zeit ein Prototyp entsteht, der Anforderungen greifbar macht und das weitere Requirements Engineering beschleunigt.
Gleichzeitig macht Philipp deutlich, dass ein Prototyp noch keine produktive Unternehmenslösung ist. Themen wie Sicherheit, Benutzerverwaltung, Logging, Compliance und Integration bleiben weiterhin entscheidende Bestandteile professioneller Softwareentwicklung. Hinzu kommen gehärtete Infrastruktur, Datenschutz, Auditierbarkeit und ein sauberer Betrieb. Rapid Prototyping verkürzt also den Weg zur Lösung, ersetzt aber nicht die professionelle Umsetzung.
Welche SAP-nahen Anwendungen sich besonders eignen
Nicht jede Software sollte durch eine Individualentwicklung ersetzt werden. Große Kernsysteme wie SAP oder CRM-Plattformen bilden das Rückgrat vieler Unternehmen und verfügen über zahlreiche Integrationen und Abhängigkeiten. Philipp betont deshalb, dass es nicht darum geht, ERP-Systeme abzulösen, sondern die vielen Zusatzlösungen rund um SAP kritisch zu hinterfragen.
Dazu zählen beispielsweise Projektplanungssysteme, Preis-Importer, Konfiguratoren, Importprozesse oder andere spezialisierte Fachanwendungen. Auch vor- und nachgelagerte Add-ons oder Lösungen in einer Side-by-Side-Architektur können hier relevant sein. Da diese Lösungen meist nur einzelne Aufgaben übernehmen und über wenige Schnittstellen verfügen, eignen sie sich besonders gut für eine Neubewertung.
Gerade bei solchen Anwendungen kann die klassische Make-or-Buy-Entscheidung heute anders ausfallen als noch vor wenigen Jahren. Durch KI-gestützte Softwareentwicklung lassen sich individuelle Lösungen deutlich schneller und kostengünstiger umsetzen. Besonders interessant sind isolierte Speziallösungen, bei denen Unternehmen heute regelmäßig Lizenz- oder Nutzungskosten zahlen, obwohl der benötigte Funktionsumfang klar abgrenzbar ist.
Excel als Symptom fehlender Digitalisierung
Auch die allgegenwärtigen Excel-Lösungen in Unternehmen kommen zur Sprache. Häufig dienen sie als Brücke zwischen verschiedenen Systemen oder Prozessen, weil passende digitale Lösungen fehlen oder sich eine saubere Softwarelösung bisher wirtschaftlich nicht gerechnet hat.
Philipp betont: Gerade diese manuellen Zwischenschritte bieten ein enormes Potenzial für Automatisierung und Individualsoftware. Gleichzeitig gilt auch hier: Vibe Coding ersetzt keine professionelle Unternehmenslösung. Was früher problematische VBA-Konstrukte waren, kann durch unkontrollierte KI-Entwicklung erneut zu Schatten-IT werden, wenn Datenschutz, Skalierbarkeit, Wartbarkeit und Auditierbarkeit nicht sauber berücksichtigt werden.
Fazit
Die Fortschritte im Bereich der KI-gestützten Softwareentwicklung verändern die Wirtschaftlichkeit von Individualsoftware grundlegend. Unternehmen erhalten die Möglichkeit, spezialisierte Anwendungen schneller und günstiger als bisher zu entwickeln und stärker an ihre eigenen Prozesse anzupassen.
Besonders bei kleineren SaaS-Lösungen, Third-Party-Tools, spezialisierten Add-ons und historisch gewachsenen Schattenprozessen lohnt sich deshalb eine kritische Überprüfung. Wer bestehende Softwarelandschaften hinterfragt und die neuen Möglichkeiten gezielt nutzt, kann nicht nur Lizenzkosten reduzieren, sondern auch Prozesse effizienter gestalten und Wettbewerbsvorteile schaffen. Entscheidend ist dabei, KI nicht als Spielerei oder reines Vibe Coding zu verstehen, sondern als neuen Hebel für professionelle, passgenaue Unternehmenssoftware.






